Hallo liebe Katzenfreunde,

mein Name ist Benjamin vom Trollberg, und ich bin ein Norwegischer Waldkater - na gut: dann halt Kastrat - als wenn diese „zwei Kleinigkeiten“ etwas ausmachen würden (hihi)!

Eigentlich wollte ja meine „Mum“ (so nenn´ ich liebevoll meine Krabbelmaschine) von mir und meinem Leben erzählen; aber wie Menschen halt so sind, wenn es um etwas geht, was sie besonders lieben, sind sie einfach zu nah am Wasser gebaut. Tja, und bevor das Blatt Papier dann durch die Tränen unleserlich wird, erzähle ich euch nun meine Geschichte.

Also, geboren wurde ich an einem schönen Sommertag, dem 15. August 1996, bei einer Züchterin in Moers namens Elke Willuda.

Als ich gerade acht Wochen alt war, klingelte an einem Samstag das Telefon: „Mum“ und „Dad“ (ach so: Dad ist der Mann von Mum) erkundigten sich nach Norwegischen Waldkatzen. Nach einem längeren Telefonat entschieden sich die beiden für einen Besuch bei Elke.

Und dann, was soll ich Euch sagen, gibt es Liebe auf den ersten „Katzenblick“ ...? Als Mum mich sah und ich sie, wußten wir, daß wir füreinander bestimmt waren. Obwohl ich vier Geschwisterchen habe, wollte Mum nur mit mir spielen und knuddeln. Elke versuchte zwar, Mum und Dad davon zu überzeugen, doch lieber mein Schwesterchen  (ein Black silver/white classic Mädel) zu nehmen, da sie angeblich vom Wesen her netter wäre und nicht so ein Rabauke wie ich. Aber nein, das kam für Mum überhaupt nicht in Frage, die Entscheidung war gefallen: Benjamin, und kein anderes Kätzchen sollte es sein! Nun wollten mich die beiden natürlich gerne auch sofort mit nach Hause nehmen ... aber sie mußten noch vier endlose Wochen warten, bis ich endlich bei Ihnen einziehen konnte. Tja, und dann unterlief Elke einen fataler Fehler. Sie sagte: „Wir wohnen doch nur ein paar Minuten voneinander entfernt, ihr könnt euren Kleinen doch zwischendurch noch mal besuchen kommen!“ Aus dem „noch mal“ wurde fast jeder Tag der Woche, aber Elke freute sich über den Besuch von Mum und Dad und empfing die Beiden jedesmal herzlich. Dann kam endlich der große Tag, ich durfte endlich zu Mum und Dad in mein neues Heim. He, was war das denn für eine Katze, die mir dort entgegenkam? Warum hatte sie so eine kleine Nase? Hm, egal, trotzdem konnte man toll mit ihr über Tische und Stühle rasen. Shelly, eine Perserkatze (mit Näschen), war also von nun an mein neuer Spielgefährte.

Nachdem ich mich gerade in meinem neuen Heim eingelebt hatte, stand ein Umzug bevor. Am 21. Dezember, bei –15 °C, machten wir uns auf den Weg in unser neues Zuhause. Doch was war das? Am 24. Dezember wachte ich auf, und mir war ganz kalt und flau im Kopf. Mum rief mich zum Essen, aber ich war so schlapp, daß ich nichts herunterbekam und mich einfach nur vor die Heizung legte. Mum sprach liebevoll mit mir: „Hallo mein kleiner Knuddelbär (psst, das ist mein Kosename, aber erzählt es nicht weiter) was ist denn los mit Dir?!“ Ich merkte das Mum mich die ganz Zeit beobachtete. Nach ca. 3 Stunden war ich so schlapp, daß ich noch nicht mal mehr mein Köpfchen heben konnte, als Mum mich ansprach. Ich hörte Mum wie aus weiter Ferne rufen: „Wolfgang, komm schnell, Benjamin muß sofort zu einem Tierarzt!“ Ich hörte, wie Dad die Treppe herunter rannte und die beiden telefonierten. „Was heißt das, Sie können mir keine Rufnummer von einem Tierarzt hier in der Umgebung nennen, das gibt es doch wohl nicht!“ hörte ich Mum sagen. Aber dann hatte Mum eine Idee. „Wir rufen Elke an“, sagte Sie zu Dad. Elke war wie immer hilfsbereit und alarmierte ihren Tierarzt. Das Telefon klingelte, und ich hörte Mum sagen: „Wie, dein Tierarzt ist zu einem Notfall unterwegs? Oh nein, was sollen wir denn nur machen? Ich habe bereits Fieber gemessen: Benni hat eine Temperatur von 41°C, er muß sofort zu einem Arzt!“

Nach scheinbar endlosen Telefonaten war endlich eine nette Tierärztin gefunden, zu der wir uns auf den Weg machten. Als wir an der Tierarztpraxis ankamen, stand die Ärztin bereits an der Tür und nahm mich liebevoll entgegen und sagte: „Ach, du armer Kerl, das bekommen wir schon wieder in den Griff, was?!“ Autsch, was war das denn für ein Piekser in meinem Po? Also, solche Spritzen sind ja wirklich unangenehm. Die Ärztin beruhigte Mum und Dad und gab den Beiden noch Tabletten mit, die ich die nächsten Tage bekommen sollte.

Na, so eine Krankheit hat auch was Gutes, ich wurde gehätschelt und getätschelt, bei jedem kleinen Hüsterchen, kam Mum sofort angerannt und kümmerte sich liebevoll um mich. Nach einer Woche war ich wieder ganz der Alte, ein richtig kleiner Teufel (das sind Mum´s Worte).

Aber das war erst der Anfang meines „Pechvogeldaseins“!

Im Januar feierte Mum ihren Geburtstag und es waren jede Menge Menschen zu Besuch. Wow, alle hatten kleine knisternde Päckchen mitgebracht, an denen wunderschöne Bändchen hingen. So eines mußte ich haben, aber wie nur? Mum packte die Geschenke aus und entsorgte alles sofort im Mülleimer. Oh verdammt, wie sollte ich es nur anstellen, so ein leuchtendes Bändchen zu bekommen. He, ich hatte eine super Idee! Also: in einer unbeobachteten Sekunde hin zum Mülleimer, mich auf den Schwingdeckel fallen lassen, schwups im Mülleimer landen, ein Bändchen schnappen und schnell in irgendeine Ecke verschwinden. Das klappte auch erstklassig. Ich hatte endlich ein Bändchen, und keiner hatte mich dabei erwischt. Dieses Bändchen war silberfarben und hatte einen kleinen Draht in der Mitte, der sich formen ließ. Schmatz, schmatz, kaute ich auf dem Band herum, und auf einmal hatte ich es verschluckt. Aber was soll´s, dachte ich mir, was vorne ‘rein geht, kommt irgendwann hinten wieder raus. Falsch gedacht; nach einer Woche hatte ich solche erbärmlichen Magenschmerzen, daß ich mich krümmte und Blut erbrach! Dad war im Badezimmer und bemerkte, daß ich mich übergeben hatte. Da Mum nicht da war, entschied Dad mit mir zum Tierarzt zu fahren. Dieser tastete mich ab und untersuchte mich eingehend (übrigens diesen Tierarzt hatte ich noch nie leiden können, er war mir einfach unsympathisch). Ich hörte diesen Menschen sagen: „Ja Herr Webers, es sieht leider ganz so aus, als hätte Benjamin einen angeborenen Leberschaden. Schauen Sie sich doch mal an, wie gelb die Ohren und Schleimhäute sind. Ich denke, es ist besser, ihn einzuschläfern!“ Dad verschlug es die Sprache, und er murmelte nur noch: „Nein, nein, nein, nicht Benjamin. Ich nehme ihn wieder mit nach Hause und spreche mit meiner Frau.“ Dad lief nervös den Flur auf und ab, er wußte nicht, wie er es Mum beibringen sollte. Da ... ich hörte den Schlüssel in der Tür und Dad stürmte sofort dorthin. Er berichte Mum ganz genau was der Tierarzt gesagt hatte. Mum brach in Tränen aus und hielt mich ganz fest in ihren Armen. Und dann hörte ich sie wütend sagen: „Nein, wir werden unseren Benni nicht einfach so einschläfern lassen. Wir packen unseren Knuddelbär jetzt ein und fahren zu einer Spezialklinik.“

Als wir in der Tierklinik in Mönchengladbach am Bökelberg ankamen, stand uns sofort eine Ärztin zur Seite, die sich rührend um mich kümmerte. Endlich ging die Tür zum Behandlungszimmer auf und Mum und Dad kamen herein. Frau Dr. Huber, so hieß die nette Ärztin, sah das verweinte Gesicht von Mum und beruhigte sie erst mal: „Also, Frau Neugebauer, es ist kein angeborener Leberschaden, es ist eine Vergiftung, hervorgerufen durch einen Gegenstand im Magen. Ihr Benjamin muß jetzt bei uns bleiben und wird operiert. Allerdings ist so eine Magenoperation sehr schwierig und wird daher vom Chefarzt selbst durchgeführt. Bitte machen Sie sich keine Sorgen, wir werden Sie telefonisch auf dem laufenden halten!“ Mit diesen Worten wurden Mum und Dad verabschiedet und ich wurde in ein kleines Krankenzimmer gebracht. Fünf Tage später hatte ich die Operation gut überstanden, und Mum durfte mich endlich wieder nach Hause holen und dort weiterbetreuen.

Ich hörte Mum´s Stimme, als sie das Krankenzimmer betrat, und freute mich sie endlich wieder zu sehen. Die Ärzte konnten kaum glauben, was sie dort sahen: Mum machte den Käfig auf und nahm mich in ihre Arme. Oh, war das schön ... ich fing sofort an zu schnurren und zu schmusen. Der Chefarzt äußerte ganz erstaunt: „So ein Halunke, keiner von uns konnte seine Hand in den Käfig stecken, ohne daß sich seine spitzen Krallen in unsere Haut bohrten, und jetzt ist er lieb wie ein Lämmchen! Ja ja, ein Wolf im Schafspelz (und alle lachten)!“ Mum bekam genaue Anweisungen, wie sie mich zu füttern und zu pflegen hatte und dann machten wir uns auf den Heimweg.

Endlich wieder im trauten Heim! War das schön! Aber warum hatte ich Blödmann auch dieses Band verschluckt? Aus Fehlern lernt man. So sagt doch das Sprichwort, oder?!

Nachdem ich einmal Papa geworden war, entschlossen sich Mum und Dad, daß ich ein Kastrat werden sollte. Auch diesmal benahm ich mich beim Tierarzt unter aller Würde. Allein der Geruch machte mich wahnsinnig.

Im März 1998 wurden wieder Kartons gepackt und Möbel gerückt. Es stand ein Umzug bevor. Wir bekamen ein richtig großes Haus, mit einem wunderschönen Garten zum Spielen. Im Sommer sah ich Mum und Dad immer zu, wenn sie sich um den Garten kümmerten; was hätte ich darum gegeben, bei ihnen zu sein und die Schmetterlinge zu fangen. Aber es war halt nur ein Traum. Oder doch nicht? Ich hörte, wie Mum und Dad heftig diskutierten. Dad sagte: „Nein, Benjamin kommt nicht raus, wer weiß was dann wieder alles passiert!“ Und Mum erwiderte: „Der arme Knuddelbär hat schon so viel in seinem Leben mitgemacht, und ich seh´ ihm an, daß er so gerne nach draußen möchte, also tun wir ihm doch den Gefallen. Was soll denn hier schon passieren? Die nächste Straße ist 3 km entfernt und rundherum gibt es nur Felder, Wiesen und Wälder. Also, laß es uns doch mal versuchen!“ Gesagt, getan. War das super, so durch die Wiesen zu toben und Mäuse zu fangen!

Es war für mich der größte Traum, den mir Mum erfüllen konnte. Ich war glücklich, und jeder sah es mir auch an. Nach und nach wurde ich mutiger und erweiterte meine Streifzüge. Was war denn da an mir vorbeigehuscht? Etwas schwarz-weißes namens Timo. Timo gehörte zu dem Nachbarhof und war eine kastrierte Hauskatze. Wir verstanden uns super und unternahmen viel zusammen. Eines Tages sagte er: „He Benni, was hältst du denn davon, mal mit zu mir zu kommen? Ich zeige dir meinen Hof.“ Warum nicht, dachte ich mir, und so machten wir uns auf den Weg. Dort angekommen saß am Toreingang eine Katze, die genauso aussah wie Timo. Timo begrüßte sie mit den Worten: „Miau, hallo Mami, das ist Benjamin, mein Freund!“ Bella war sehr lieb zu mir und freute sich, daß Timo endlich jemanden zum Spielen gefunden hatte. Wir zogen weiter durch Timos Revier, und Bella ermahnte uns: „Seid vorsichtig und nicht so übermütig!“ Aber was Mütter schon sagen! Wir tollten den ganzen Tag ausgelassen durch die Stallungen, bis ich auf einmal Mums Stimme hörte: „Benjamin, Benjamin!“ Das war das Zeichen für mich, nach Hause zu kommen. Ich verabschiedete mich von Timo und rannte so schnell ich konnte nach Hause. Da stand Mum und nahm mich in Empfang. Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen wie schön mein Leben bis zu diesem „fürchterlichen“ Tag war, ein richtig kleines Paradies!

An einem wunderschönen Donnerstag morgen machte ich mich wie immer auf den Weg zu Timo, um mit ihm durch die Felder zu ziehen. Ups, was standen denn da für zwei angsteinflößende Kreaturen, sogenannte Hunde. Warte mal, Mum hatte mir doch mal erzählt, daß ich Acht geben sollte vor Hunden. Timo stand auf dem Dach des Pferdestalls und rief mir zu: „Los doch, renn´ an den beiden kläffenden Hunden vorbei.“ Ich fauchte und schrie Timo zu: „Bist du verrückt geworden? Schau´ sie dir doch an, wie wütend sie bellen!“ Aber Timo hänselte mich und sagte: „Benjamin ist ein Feigling!“ Nein, das mußte ich mir wirklich nicht sagen lassen, also eins, zwei, drei und an den Hunden vorbei. Aaaaaahhhhh, beim Sprung auf das Dach vom Pferdestall spürte ich einen reißenden Schmerz an meinem rechten Hinterbein. Ein höllischer Schmerz durchfuhr meinen ganzen Körper. Timo bekam Angst und rannte weg. Nun lag ich da auf dem Dach, davor die beiden kläffenden Hunde, was sollte ich nur machen. Tot stellen, bis die Hunde weg waren? Die Sonne knallte auf mich drauf, und ich konnte mein Beinchen vor Schmerzen nicht bewegen. Wie jeden Tag hörte ich Mum rufen, nur diesmal konnte ich ihr nicht entgegenlaufen. Also maunzte ich: „Hier bin ich, Mum, hier auf dem Dach! Bitte komm´ mich holen, ich hab´ solche Angst und höllische Schmerzen!“ Aber Mum konnte mich weder hören noch sehen. Ich verbrachte die Nacht auf dem Dach, da ich mich nicht bewegen konnte. Am nächsten Morgen stupste mich Timo an und wollte, daß ich ihn auf seiner Streiftour durch den Wald begleite. Ich schrie Timo an: „Los, lauf und hol´ Hilfe!“ Timo rannte so schnell er konnte zu Mum und Dad. „Schau´ mal da ist Timo“ sagte Mum zu Dad. „Wo hast du denn unseren Benni gelassen?“ Timo versuchte sein Bestes und brachte Mum und Dad auch dazu ihn zu begleiten. Ja, endlich war Rettung in Sicht. „Hier oben auf dem Dach bin ich, hallo Mum“. Aber nein, sie sahen und hörten mich nicht. Vom Dach aus konnte ich beobachten, wie Mum und Dad die ganz Umgebung nach mir absuchten, unter jedem Strauch, in jedem Schuppen und Winkel schauten sie nach, nur nicht auf dem Dach. So lag ich einen weiteren Tag auf diesem Dach und wußte nicht, was ich machen sollte. Ich hatte keine andere Wahl, ich mußte von diesem Dach runter, also beschloß ich, in der kommenden Nacht trotzt größter Schmerzen ein sicheres Versteck zu suchen. Ich konnte nicht laufen, also schleppte ich mich bis zum nächsten Busch und blieb dort liegen. Hoffentlich entdeckten mich hier nicht die Hunde, dann wäre ich verloren!

Wie mir Mum später erzählte, hat sie von freitags bis sonntags kein Auge zugemacht. Abwechselnd wurde Wache geschoben, falls ich mich nachts sehen lassen würde. Dad versuchte Mum zu beruhigen, indem er sagte: „Mach´ Dir nicht so viel Sorgen, Benni kommt schon wieder. Vielleicht hat er zum ersten Mal einen Hasen erlegt und ist so mit seiner Beute beschäftigt, daß er die Zeit vergessen hat.“ Aber Mum spürte instinktiv, daß mir was zugestoßen sein mußte, und ließ sich durch Dads Worte nicht beruhigen. Die komplette Nachbarschaft (es waren ja nur drei Bauernhöfe) wurden wieder und wieder von Mum und Dad durchforstet. Auch der angrenzende Wald wurde nicht ausgelassen. Dad hörte am Sonntag morgen um 5:00 Uhr einen Schuß im Wald. Der Jäger war unterwegs, vielleicht konnte er den beiden ja weiterhelfen. Also rannte Dad so schnell er konnte in den Wald und stellte dem Jäger Fragen über mich. „Wir vermissen seit Donnerstag unsere Norwegische Waldkatze, er heißt Benjamin und hat ein helles Fell.“ Der Jäger wußte sofort, um welche Katze es ging: „Ach so, Sie meinen den hellen Kater mit dem buschigen Schwanz. Ja, den habe ich am frühen Freitag morgen am Waldrand gesehen. Vielleicht ist er ja in eine meiner Fuchsfallen geraten. Wenn Sie möchten, gehen wir gemeinsam die Fallen ab.“ Was für eine Frage, natürlich wollten Mum und Dad alle Fallen sehen. Aber ohne Erfolg. Mum war mit den Nerven am Ende und weinte und weinte und weinte. Mittlerweile ging es mir so schlecht, daß ich kaum noch meine Umwelt wahrnahm. Mein Fuß glich einem Luftballon, er war stark entzündet und blutverschmiert. War das mein Ende, mein Platz zum sterben?

Da, plötzlich hörte ich ein Geräusch ... Es waren Schritte, die auf mich zukamen. Ich hatte Angst, ich hoffte, daß es nicht die Hunde sein würden. Es war Sonntag abends gegen 22:00 Uhr und Jörg, ein Nachbar, kam um diese Zeit von der Mittagschicht. Er versorgte im Garten seine Gänse und Schafe. Also sagte ich zu mir: „Benjamin, wenn du leben möchtest, ist das wahrscheinlich deine letzte Chance, dich bemerkbar zu machen.“ Also schrie ich so laut ich nur konnte und hoffte, daß Jörg mich hören würde.

Auf einmal beugte sich jemand zu mir herunter und stupste den Ast zur Seite, es war Jörg. Nun wußte ich, daß alles wieder gut werden würde, und fiel in eine Art Koma. Jörg nahm mich behutsam auf den Arm und brachte mich nach Hause. Als Mum und Dad uns sahen, brachen Sie in Freudentränen aus. Da es schon dämmerig war, konnte Mum nicht sofort erkennen, daß ich schwer verletzt war. Erst als Jörg mich in Mums Arm legte, bemerkte sie, daß mein rechtes Beinchen herunterhing. Sofort wurde ich in eine Transportbox verfrachtet und zur Tierklinik gebracht. Dort angekommen wurde ich von Frau Dr. Huber, meiner Lieblingsärztin, in Empfang genommen und eingehend untersucht. Zu dieser Ärztin hatte ich Vertrauen und ließ mich ohne Gegenwehr untersuchen. Mum und Dad wurden mit den folgenden Worten nach Hause geschickt: „Leider hat Benjamin sehr viel Blut verloren, und die Entzündung ist schon in einem fortgeschrittenen Stadium. Wir müssen jetzt als erstes versuchen, das hohe Fieber und die Entzündung in den Griff zu bekommen, und dann erst können wir eine Operation wagen. Sie können sich morgen früh gegen 10:00 Uhr bei unserem Chefarzt telefonisch melden.“ Natürlich konnten Mum und Dad die ganze Nacht nicht schlafen und sehnten den nächsten Morgen herbei. Pünktlich um 10:00 Uhr fragte Mum in der Tierklinik nach, wie es mir ging. Dr. Osthold, der Chefarzt der Tierklinik hatte leider eine, wie er es ausdrückte „schlechte Nachricht“ für Mum und Dad. „Dadurch, daß Benjamin als Jungkatze öfter Antibiotika bekommen hat, spricht sein Körper nicht mehr darauf an, und weder die Entzündung noch das Fieber sind in den Griff zu bekommen. Wir werden jetzt ein anderes Medikament probieren. Bitte rufen Sie morgen um die gleiche Zeit noch mal an.“

Diese schlechten Nachrichten zogen sich bis donnerstags hin. An diesem Tag meldete sich Dr. Osthold mit folgenden Worten bei Mum: „Hallo Frau Neugebauer, heute habe ich eine positive und leider auch ein negative Nachricht für Sie. Die Positive ist, wir haben das Fieber in den Griff bekommen, und Benjamin liegt bereits auf unserem OP-Tisch. Nachdem wir das Beinchen aufgeschnitten haben, mußten wir leider feststellen, daß die Entzündung die Knochen schon so weit angegriffen hat, daß wir das komplette rechte Hinterbein amputieren müssen. Leider ist es uns nicht möglich, das Bein zu retten. Natürlich haben Sie auch die Möglichkeit, sich dahingehend zu entscheiden, daß wir das Tier euthanisieren.“ Durch diese Worte so geschockt, verschlug es Mum die Sprache und sie brach in Tränen aus. Dr. Osthold war zwar vom Wesen her ein sehr direkter und handfester Tierarzt, aber in dem, was er tat, eine Koryphäe. Also schrie er Mum durch das Telefon an: „Warum heulen Sie jetzt, es liegt doch in Ihrer Hand, was passieren soll! Ich als Arzt kann Ihnen nur sagen, auch ein Leben mit drei Beinen ist lebenswert und für eine Katze gar kein Problem. Das Problem sind die Menschen, die meistens zu eitel dafür sind, ein Tier mit drei Beinen an ihrer Seite haben zu wollen.“ Jetzt wurde Mum sauer: „Was soll das denn heißen, zu eitel? Ich möchte nur, daß Benjamin vernünftig leben kann. Aber wenn Sie mir sagen, eine Katze kann auch gut mit drei Beinen leben, dann soll unser Benjamin leben.“

Zwei endlose Stunden dauerte die Operation, welche ohne Komplikationen durchgeführt werden konnte. Allerdings wurde die Nachbehandlung eine richtige Herausforderung für das Ärzteteam. Keinem Arzt war es möglich, seine Hand in meinen Käfig zu stecken, geschweige denn, mir eine Spritze zu setzen. Ich hörte, wie die Ärzte sich berieten: „Nein, so geht das nicht, das Tier darf in diesem Zustand nicht so viel Streß haben. Es ist zwar unüblich, aber wir müssen Frau Neugebauer anrufen und mit ihr die weitere Behandlung abklären.“ Toll, ich hatte mal wieder genau das erreicht, was ich wollte. Dann würde mich Mum gleich abholen kommen ... nach sieben endlosen Tagen in dieser Klinik.

Als die Tür aufging und Mum mich sah, merkte ich, wie schockiert sie über meinen Anblick war. Sie weinte und sagte. „Ach, mein kleiner Knuddelbär, hätte ich dich doch nicht frei laufen lassen, was hab´ ich Dir nur angetan.“ Trotz meiner drei Beinchen bäumte ich mich auf und hangelte nach Mum. Sie hatte Angst, mir weh zu tun und wußte nicht, wie sie mich nehmen sollte. Also sprang ich einfach auf ihren Arm, stupste sie mit meiner Nase an und sagte zu ihr: „He Mum, mach´ dir keine Vorwürfe, denn ich liebe das Leben auch jetzt noch, und für mich ist nur wichtig , daß du zu mir stehst.“

Mum wurde von den Ärzten genau aufgeklärt, wie meine Behandlung zu erfolgen hatte. Allerdings war es erforderlich, daß sie mich in den ersten zehn „kritischen Tagen“ Tag und Nacht betreute, um auf einen Fieberkrampf und Phantomschmerzen reagieren zu können. Zuhause wurde ich aufopferungsvoll von Mum betreut. Mir wurde sprichwörtlich jeder Wunsch von den Augen abgelesen. In den ersten Tagen wurde ich öfter von diesen „Phantomschmerzen“ eingeholt. Aber Mum war jedesmal an meiner Seite und sprach beruhigend auf mich ein. Nach zehn endlos erscheinenden Tagen fuhren wir zur Nachuntersuchung in die Tierklinik, und alle Ergebnisse waren zufriedenstellend. Mum sagte zufrieden zu mir: „Siehst Du mein Schatz, das haben wir doch gut gemeistert!“

Jetzt lebe ich schon fast neun Jahre mit dieser „Behinderung“, und was soll ich euch sagen? Mein Leben ist genauso lebenswert wie vor diesem Unfall. Auch ich kann noch auf Bäume klettern und Mäuse jagen - allerdings jetzt nur noch in einem gesicherten Freigehege.

Psst ... ich war, bin und werde auch immer der absolute Liebling von Mum bleiben!!!

Wenn Ihr Fragen habt oder mich und meine Familie mal besuchen möchtet, ruft doch einfach meine "Eltern" an!

Euer Benjamin


Benjamin genießt die Sommersonne (Foto: Juli 2005)

Unser Benjamin ist am 26. März 2007 über die Regenbogenbrück gegangen ...

... ich werde dich niemals vergessen mein Schatz!!!

copyright: Ines Neugebauer